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Corona Veranstaltungen

Jahrestagung der „European Association of Psychosomatic Medicine“ 2025 – Ergebnisse aus der Rehabilitation des Post COVID-Syndroms

RVaktuell 1/2026

Vom 10. bis 13.9.2025 fand in München unter dem Motto „Transformation des biopsychosozialen Modells: konzeptionelle und klinische Aspekte“ die Jahrestagung der European Association of Psychosomatic Medicine (EAPM) statt. Themenschwerpunkt war neben der somatischen Belastungsstörung das für die Rehabilitation aktuell sehr relevante Post COVID-Syndrom (PCS). Hierzu wurden aktuelle Forschungsergebnisse aus der von der Deutschen Rentenversicherung Bund geförderten PoCoRe-Studie zur Rehabilitation beim PCS vorgestellt.

Nach wie vor ist das PCS eine große Herausforderung für die Sozialversicherungssysteme und die Rehabilitation weltweit. Für Europa geht man davon aus, dass etwa 2% der Infizierten so stark von einem PCS betroffen sind, dass die Teilhabe am Erwerbsleben gefährdet ist. Nach wie vor gibt es keine evidenzbasierte medikamentöse Behandlungsmöglichkeit. Wie ein Ende 2024 im British Medical Journal erschienenes systematisches Review von Zeraatkar 1 1 Zeraatkar, Ling, Kirsh et al. Interventions for the management of long covid (post-covid condition): living systematic review. BMJ. 2024 Nov 27;387:e081318. doi: 10.1136/bmj-2024-081318. PMID: 39603702; PMCID: PMC11600537 zeigt, liegt jedoch inzwischen ausreichend Evidenz für die Wirksamkeit von kognitiver Verhaltenstherapie, individuell dosiertem Ausdauertraining und der Kombination von beidem in einem rehabilitativen Setting vor.

Auch bei der diesjährigen Tagung der EAPM stand das PCS gemeinsam mit der in der ICD-11 neu eingeführten Diagnosekategorie der somatischen Belastungsstörung im Mittelpunkt des Interessens. Hierbei wurden auch Forschungsergebnisse aus der von der Deutschen Rentenversicherung Bund geförderten PoCoRe-Studie vorgestellt. Hierbei handelt es sich um eine vom Universitätsklinikum Regensburg (Studienzentrum) koordinierte Multicenter-Kohortenstudie, bei der von 2022 bis 2023 1 088 Rehabilitandinnen und Rehabilitanden aus sechs Rehakliniken mit den Indikationen Neurologie, Pneumologie, Psychosomatik und duale Reha (Psychokardiologie und Psychopneumologie) eingeschlossen werden konnten. Daten wurden bei Aufnahme, Entlassung und nach sechs Monaten erhoben.

Beiträge

Dr. Alexa Kupferschmitt, Leitende Psychologin des Rehazentrums Seehof der Deutschen Rentenversicherung Bund, stellte Ergebnisse zur Rehabilitandenzufriedenheit vor. Jeweils über 90% der Befragten gaben an, mit der Qualität der Behandlung zufrieden oder sehr zufrieden gewesen zu sein und die Rehabilitation weiterzuempfehlen. Zwischen den einzelnen Kliniken gab es hierbei keine signifikanten Unterschiede.

Alle beteiligten Kliniken boten ein multimodales Konzept mit PCS-spezifischer Bewegungstherapie, Psychotherapie und kognitivem Training an, wie es inzwischen auch im Eckpunktepapier der Deutschen Rentenversicherung zur Rehabilitation bei PCS 2 2 Deutsche Rentenversicherung Bund (Hrsg.) (2023). Eckpunktepapier für die medizinische Rehabilitation bei Post-COVID-Syndrom der DRV und DGUV (1. Aufl.). Verfügbar unter: www.deutsche-rentenversicherung.de/SharedDocs/Downloads/DE/Experten/infos_reha_einrichtungen/eckpunkte-reha-post-covid-syndrom-10–2023.html (1.7.2025). empfohlen wird. In der Katamnese nach sechs Monaten wurden insbesondere die Bewegungstherapie und das Entspannungstraining von den Rehabilitanden als besonders hilfreich angegeben, jeweils über 50% führten diese ambulant noch weiter. Diese Ergebnisse sind bemerkenswert, weil in den Medien immer wieder Erhebungen zitiert werden, nach denen die Mehrzahl der Befragten die Rehabilitation negativ bewerten. Hierbei handelt es sich aber um selbstselektierte Stichproben aus dem Internet, bei denen nicht sichergestellt wurde, ob die Teilnehmenden überhaupt eine Rehabilitation absolviert hatten.

Das Konzept der Bewegungstherapie in der PCS-Rehabilitation stellte Judit Kleinschmidt, Leitende Bewegungstherapeutin am Rehazentrum Seehof vor. Kernelemente sind die Bewegungstherapie-Gruppe, Ergometertraining, Walking, Entspannungstraining und Atemtherapie. Im Vergleich zu anderen Reha-Indikationen sind die einzelnen Behandlungsintervalle kürzer, dafür werden mehr Bewegungstherapie-Einheiten angeboten. Wichtig ist, die Belastung im Sinne von Pacing jeweils tagesaktuell an die individuelle Belastbarkeit der Rehabilitanden anzupassen, um eine Überforderung zu vermeiden. Im Vordergrund steht eher eine Schulung der Körperwahrnehmung sowie das Erkennen und Respektieren der eigenen Belastungsgrenzen als eine schnelle Leistungssteigerung. Vermieden wird die eher Angst auslösende Fixierung aus „Wearables“ wie z. B. Pulsuhren und Smartwatches. Mit diesem Konzept ließ sich eine signifikante Steigerung der Gehstrecke im 6-Minuten-Gehtest mit hoher Effektstärke von 470.67 (±95.71) Meter bei Aufnahme auf 592.49 (± 110.56) Meter bei Entlassung erzielen. Auch die mittels Spiroergometrie erfasste kardiopulmonale Leistungsfähigkeit konnte signifikant gesteigert werden. Hinweise auf eine Überlastung der Rehabilitanden oder eine Auslösung von Post Exertioneller Malaise (PEM) fanden sich nicht. Die gesteigerte Leistungsfähigkeit spiegelte sich auch in der positiven Bewertung der Bewegungstherapie durch die Rehabilitanden wider.

Bei der Chronifizierung von Schmerzen ist gut belegt, dass die Art der Krankheitsverarbeitung und das Krankheitsverhalten eine erhebliche prognostische Relevanz haben. Als ungünstig haben sich sowohl angstbedinge Vermeidung von Aktivität (Avoidance) als auch emotional negativ besetzte Durchhaltemuster (Endurance) erwiesen. In einem Teilprojekt der PoCoRe Studie, das Lola Burmehl vorstellte, wurde untersucht, ob diese Muster auch eine Rolle bei der Symptomausprägung und bei Leistungseinschränkungen im Rahmen eines PCS spielen. Es zeigte sich, dass Vermeidungsverhalten im Zusammenhang mit Depressivität die physische Leistungsfähigkeit besonders ungünstig beeinflusst, während durchhaltende Bewältigungsstrategien beim PCS positiver zu sein scheinen, wenn sie mit einem positiven Affekt verbunden sind. Verbunden mit negativen Affekten wie Angst und Depressivität erwiesen sich Endurance-Reaktionen allerdings als hemmender Faktor für die körperliche Leistungsfähigkeit, die in dieser Teilstudie über den 6-Minuten-Gehtest erfasst wurde. Bereits zuvor konnte gezeigt werden, dass es in der Rehabilitation möglich ist, diese ungünstigen Verhaltensmuster zu verändern 3 3 Kupferschmitt, Herrmann, Jöbges, Kelm, Sütfels, Loew, Hasenbring, Köllner. Bedeutung von „avoidance“ und „endurance“ beim Post-COVID- Syndrom. Sind dysfunktionale Muster veränderbar? Schmerz 2025, https://doi.org/10.1007/s00482-025-00887-5 .

Prof. Dr. Volker Köllner, Ärztlicher Direktor des Rehazentrums Seehof, stellte in seinem Vortrag die Gesamtergebnisse der PoCoRe-Studie und ihre Bedeutung für die Rehabilitation vor. Es zeigte sich, dass sich im Verlauf der je nach Indikation 4-5-wöchigen Rehabilitation die Gehstrecke im 6-Minuten-Gehtest, eine Depressivität, sowie kognitive Beeinträchtigungen signifikant mit kleinen bis mittleren Effektstärken verbessern. Allenfalls minimale Verbesserungen waren hinsichtlich der selbstberichteten Fatigue feststellbar, während die Beeinträchtigung bei Alltagsaktivitäten (erfasst über den WHODAS-Fragebogen) mit hoher Effektstärke abnahm. Sowohl das Ausmaß der initialen Beeinträchtigung als auch die Verbesserungen waren in allen Reha-Indikationen vergleichbar stark ausgeprägt. Dies spricht für einen interdisziplinären und multimodalen Ansatz der Rehabilitation beim PCS, wie er auch im Eckpunktepapier der DRV gefordert wird. Allerdings wurde bei fast 20% der Rehabilitanden ein Leistungsvermögen von unter 3 Stunden täglich für den allgemeinen Arbeitsmarkt festgestellt. Häufigster Grund waren die auch in der neuropsychologischen Testdiagnostik feststellbaren Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit. Auch wenn somit bei über 80% der Betroffenen die Teilhabe am Arbeitsleben zumindest teilweise erhalten werden konnte, liegt der Anteil mit aufgehobenem Leistungsvermögen mehr als doppelt sie hoch wie bei anderen Krankheitsbildern in den jeweiligen Reha-Indikationen. Das zeigt einerseits, dass Rehabilitation beim PCS erfolgversprechend ist – andererseits wird die Notwendigkeit für längerfristig angelegte Programme zur Unterstützung bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz und für Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben deutlich. Köllner betonte, dass bei der Mehrzahl der PCS-Betroffenen Leistungsmotivation und berufliche Qualifikation hoch sind, was als günstige Voraussetzung für ein return to work anzusehen ist.

Auch aus anderen europäischen Ländern wurden Forschungsergebnisse dargestellt, die die Bedeutung psychosozialer Faktoren im Rahmen eines bio-psycho-sozialen Verständnisses des PCS unterstreichen und die hieraus erfolgversprechende Behandlungsansätze ableiten. Bemerkenswert waren vor allem Forschungsergebnisse aus Großbritannien, Norwegen und Deutschland über Patienten, denen es gelungen ist, ein schweres Fatigue-Syndrom zu überwinden und zu einem erfüllten Leben zurückzufinden. Sie unterstreichen dabei, wie wichtig es ist, Resignation und Ängste zu überwinden und über langsamen Aktivitätsaufbau wieder Selbstwirksamkeit zu erleben

4 4 Miller, Symington, Garner, Pedersen. Patients with severe ME/CFS need hope and expert multidisciplinary care. BMJ. 2025 May 14;389:r977. doi: 10.1136/bmj.r977. PMID: 40368436. . Eine besondere Rolle für die Chronifizierung spielen hierbei negative Erwartungen über den weiteren Krankheitsverlauf. Hingewiesen wurde auf den Wert von „Recovery Stories“, also Selbstberichten von genesenen Patienten, die als Gegengewicht zu dem oft in den Medien vermittelten Bild der Unbehandelbarkeit stehen. Das sollte auch verstärkt in der Psychoedukation in der Rehabilitation genutzt werden.

Zusammenfassend zeigten sich bei diesem Kongress zahlreiche neue Konzepte vom Verständnis des PCS und zu erfolgversprechenden Ansätzen in Therapie und Rehabilitation. Deutlich wurde auch, dass die Rehaforschung zu diesem Thema in Deutschland international Beachtung findet und wertvolle Erkenntnisse zum besseren Verständnis und zur Behandlung dieses neuen Krankheitsbildes beitragen kann.